Haftnotiz 142: Bücher im Badezimmer? – Rezension

Eine ganz bestimmt merkwürdige Frage – erst recht für einen Bibliothekaren wie mich. Aber Bücher in einem Badezimmer – und nicht nur eines, sondern gleich eine ganze Bibliothek? Warum denn das?

CC BY-NC-SA by SnaPsi Сталкер

Ich hatte das Glück, dem Autor Hans Bemmann zu begegnen und eine Weile Kontakt mit ihm zu haben. Eines seiner Bücher trug den Titel: Erwins Badezimmer oder die Gefährlichkeit der Sprache : eine Geschichte in Briefem mit diversen Beilagen. Das Buch erschien erstmals 1984. Dies war auch das Orwell-Jahr, da dessen düstere Zukunftsvision den Titel „1984“ trug.

Bemmann beschreibt in seinem Briefroman einen seit zweihundert Jahren bestehenden totalitären Staat, der seinen Bürgern eine einhundertprozentige Sparcheindeutigkeit verordnet und bestimmt hat.

Das Staatsdogma, was dikatorisch durchgesetzt wird, lautet:

„Wer Eindeutigkeit bezweifelt, ist verrückt oder ein Lügner. Wer Wörtern andere Bedeutung gibt, begeht ein Verbrechen an der Sprachgemeinschaft. Er soll schweigen, schweigen, schweigen. Sprache ist eindeutig. Wir wissen, was Wörter bezeichnen. Wir kennen alle Bedeutungen. Wer uns glaubt, lebt in Sicherheit. Er ist glücklich, glücklich, glücklich. Sprache ist eindeutig …“ (Bemmann, Hans. Erwins Badezimmer oder die Gefährlichkeit der Sprache : eine Geschichte in Briefen mit diversen Beilagen. Stuttgart, 1984, S. 119)

Albert S., der als Philologe im öffentlichen Dienst Wortumfeldmaterial für den Staat zusammenstellen muß, wird nach einem Unfall von einer Ärztin behandelt, die ihn fragt, was in der Großen Nationalen Sprachreinigung vor zweihundert Jahren eigentlich geschehen sei. Albert erinnert sich an einen ehemaligen Komilitonen, der sich – wie er sich erinnert – mit alten Büchern beschäftigt. Dabei stellt sich aber heraus, dass sein alter Freund Erwin in Wirklichkeit bei der Sprachüberwachungsbehörde in einer Konzentrationsbibliothek arbeitet. Dort ist die Vor-Literatur aus der Zeit vor der Großen Sprachreinigung gesammelt. Erwin schmuggelt allerdings heimlich Mikrofilmkopien aus der verschlossenen Bibliothek, um mit anderen, die die Mehrdeutigkeit der Sprache neu entdecken wollen, sie in seinem versteckten zweiten Badezimmer zu lesen. Die Computertechnik unserer Zeit lässt die Arbeit mit Mikrofilmen und -fiches antiquiert erscheinen. Und obwohl der Roman bald dreißig Jahre alt ist, so hat er nichts von seiner Aktualität verloren: dass Sprache als Herrschaftsinstrument auch heute und immer in der Gefahr steht monopolisiert zu werden. Einzelnen Begriffen und Umständen wird eine verharmlosende Bedeutung in der Sprache und in den Medien geben, um damit das Denken aller zu beeinflussen.

Leider ist das Buch nicht mehr lieferbar. Man kann es aber noch antiquarisch erhalten oder in einer Bibliothek ausleihen.

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